Hannover 96 und die Flaschenwerfer



Die ersten Jahre der Bundesliga, da herrschten teilweise noch ganz andere Sitten. Die Zeit war rauer, die Jugend aufmüpfiger und lauter.

Damals gab es die sogenannten Rocker. Lederjacken und so weiter. Einige Fangruppierungen verhielten sich genauso. Wenn die einem zu nah kamen, hat man vorsichtshalber lieber das Weite gesucht. Die grölenden Gruppen der gefährlich anmutenden Fans waren zum Glück schon von Weitem zu hören. Auf dem Weg vom und zum Bahnhof Stellingen war man also vorgewarnt. Mulmige, beklemmende Situatio- nen gab es nur, wenn man keinen Abstand hielt.

Ich hielt immer Abstand und in engen Situationen die Reizgas-Sprühdose in der Tasche meines Anoraks griffbereit. Ich bin seit vielen Jahren selbst Vater und muss mich heute wundern, dass meine Eltern mich allein zu den Spielen fahren ließen. 1965 war ich erst 12 Jahre alt. Wahrscheinlich wussten sie, dass ich vorsichtig sein würde. Es ist mir auch nie etwas geschehen. In all den Jahren kein einziges Mal.

Ein Mal, es war während eines Heimspiels unseres HSV gegen Hannover 96, flogen in der Westkurve plötzlich Flaschen zwischen Block E und Block F hin und her. Ich stand nicht weiter als zehn Meter entfernt. Damals durften Flaschen noch mit ins Stadion genommen werden. Und es waren keine Plastikflaschen gewesen, die da flogen. Auch die Fangruppen wurden seinerzeit noch nicht so penibel voneinander getrennt. Einige der Hannoveraner hatten sich in unseren Block F verirrt und machten sich lautstark bemerkbar. Das konnte sich die engste HSV-Gefolgschaft in Block E natürlich nicht gefallen lassen. Der Zaun zwischen F und E war kein großes Hindernis, jedenfalls nicht hoch genug, nicht mehr als zwei Meter zwanzig.





Programmheft vom 20. Mai 1972 Hamburger SV - Hannover 96 2:0 (1:0). Das Spiel fand im Volksparkstadion vor nur 8000 Zuschauern statt.



Es war alles gutgegangen. Ich hatte nichts abbekommen und unver- sehrt die Heimreise nach Friedrichsgabe, heute ein Stadtteil von Nor- derstedt, angetreten. Mit der Bahn oder wie auch sehr oft mit dem Fahrrad.

Verprügelt wurde ich nur ein einziges Mal. Das war während unseres Urlaubs in London gewesen. Mein Bruder und ich, ich war damals 19, hatten eine Radtour von Amsterdam nach London unternommen. Während er sich im Kino einen Zeichentrickfilm ansah, besuchte ich natürlich ein Fußballspiel. Chelsea, noch im alten Stadion. Gegen wen sie spielten, weiß ich nicht mehr.

Vor dem Spiel gab es ein fürchterliches Gedränge vor dem Eingang. Als ich von hinten geschubst wurde, blieb ich standhaft und hielt dagegen, ohne mich jedoch umzusehen. Ich war mit meinen 1,96 auch nicht so leicht aus dem Weg zu räumen. Das war mein Fehler gewesen. Ehe ich michs versah, schlugen drei oder vier Hooligans auf mich ein. Ich bückte mich, und schützte Kopf und Kragen mit meinen Armen und Ellenbogen. Durch meine Beine konnte ich nach hinten schauen. Von der geschlossenen Menschenmenge war nicht mehr viel zu sehen. Wo waren die nur alle so schnell hin? Da sah ich zwei Londoner Polizisten in ihren typischen Uniformen. Nicht mehr als zehn Meter entfernt. Aber die hatten offensichtlich auch keine Lust auf Randale und blieben lieber, wo sie waren.

Nach vielleicht zehn bis fünfzehn Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, ließen die jungen Männer von mir ab und verschwanden. Ich weiß nur noch, dass sie T-Shirts trugen. Keine Lederjacken und so. Darüber war ich ganz verwundert. Die Umstehenden brachten mir meine Brille, meinen Peace-Anhänger, den ich um dem Hals getragen hatte, und meinen Rucksack. Das war alles wieder geradezubiegen.

Das Spiel von Chelsea endete 0:0. Ein ganz erbärmliches Gekicke. Mein Adrenalinspiegel sank trotzdem erst lange nach Spielende.





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